Mehr Dramatik geht nicht

FC St.Gallen 1879 - BSC Young Boys 3:3 (1:2) So, 23.02.2020 Spielberichte

Die heutige Partie als "Wechselbad der Gefühle" zu beschreiben wäre noch stark untertrieben. 19'024 Zuschauer erleben einen Spitzenkampf, der erst in der 99. Minute nach einem wiederholten Penalty entscheiden, bzw. unentschieden wird. Görtler erzielt in der 91. Minute den vermeintlichen Siegtreffer, und Zigi wird zum tragischen Helden, der beim Abwehren des Elfmeters in der 97. Minute ein paar Zentimeter zu weit vor der Linie steht..

Auch Minuten nach der Medienkonferenz kann es Peter Zeidler noch nicht ganz fassen, was gerade passiert ist. "Unvorstellbar. Wenn man das vorher schreiben muss, so ein Drehbuch, dann hätte man's so gemacht. Der Görtler als Held des Spiels macht das Tor. Spiel erledigt, wir haben gewonnen", sagt er im Kreis eines guten Dutzends St. Galler Journalisten. Doch wer immer das Drehbuch zu diesem Spitzenspiel der 23. Runde schrieb, der sah in Lukas Görtler nur einen tragischen Helden. Und damit er nicht alleine sein muss, stellte ihm der Drehbuchautor noch Lawrence Ati Zigi zur Seite. Aber der Reihe nach.

Als Alain Bieri die Partie um 16 Uhr anpfeift, da ist alles angerichtet für ein grosses Fussballfest. Mit 19'024 Zuschauern ist der kybunpark restlos gefüllt. Das Stadion war schon seit Tagen ausverkauft, die ganze Ostschweiz fieberte diesem Sonntag entgegen, wenn der Leader den Meister empfängt. Nicht mit dabei sein können die beiden Stammspieler Victor Ruiz und Boris Babic. Ruiz muss seine zweite Rotsperre absitzen, Babic riss sich vor einer Woche das Kreuzband im Knie. Babic' Teamkollegen liefen deshalb beim Einwärmen alle mit dessen Nummer 34 auf.

Pfostenschuss von Itten

Abtasten in den ersten Minuten? Nicht heute. Nach je einem Freistoss auf beiden Seiten in der zweiten und dritten Minute, kann Jérémy Guillemenot in der vierten Minute den ersten Eckball treten. In der Mitte setzt sich Cedric Itten gegen seinen Gegenspieler durch und lenkt den Ball an den Pfosten ab. Lefort haut dann den Ball auf der Torlinie weg, bevor er doch noch den Weg ins Tor findet.

Die Partie ist damit so richtig lanciert, und der FCSG weiter im Vormarsch. Bereits in der siebten Minute folgt eine tolle Kombination nach einem Steilpass auf Cedric Itten. Der spielt zu Lukas Görtler, dieser direkt weiter auf Ermedin Demirovic, und Goalie von Ballmoos kann den Flachschuss gerade noch mit den Fingerspitzen abwehren.

Fazliji bringt Grün-Weiss in Führung

Zwei Minuten später ist Demirovic bereits wieder im Zentrum des Geschehens, als Ngamaleu ihn nur mit einem Foul stoppen kann. Wie schon beim Eckball zuvor bringt Guillemenot den Freistoss zur Mitte. Görtler verlängert per Kopf und Betim Fazliji spitzelt den Ball in die linke obere Torecke. Der kybunpark gerät schon nach zehn Minuten zum ersten Mal an diesem Sonntag in Ekstase. Und Fazliji sorgt gleich selber dafür, dass er "Mister 100 Prozent" bleibt und auch das 14 Spiel, in dem er auf dem Feld steht, siegreich für den FCSG ausgeht.

In der 13. Minute erneut ein Freistoss von Guillemenot aus fast identischer Position, und wiederum wird es gefährlich, doch der Ball geht knapp am Tor vorbei. Und der Meister? Von dem ist in der Anfangsphase nicht viel zu sehen. Erst in der 28. Minute machen die Berner auf sich aufmerksam, doch dann dafür richtig: Fassnacht zieht zentral aus 25 Metern ab und gleicht aus. Nicht nach Toren, aber immerhin nach Pfostentreffern.

Letard muss verletzt raus

Fünf Minuten später steigt Yannis Letard zu einem Zweikampf hoch und fällt dann auf seinen Gegenspieler. Beide bleiben liegen und müssen gepflegt werden, doch Peter Zeidler bekommt das Signal, dass es für Letard nicht weitergeht. "Hirnerschütterung. Yannis wusste nicht mehr, was los ist", erklärt Zeidler hinterher. Für den Franzosen springt Tim Staubli ins kalte Wasser und nimmt Fazlijis Position im linken Mittelfeld ein, während der Torschütze in die Innenverteidigung rückt.

Auch dieser neuerliche Rückschlag verunsichert unser Team nicht sichtlich. In der 37. Minute folgt eine weitere Chance für uns durch Guillemenot, der durch die Mitte kommt und von der Strafraumgrenze abzieht. Goalie von Ballmoos hält jedoch den Flachschuss unserer Nummer 9. Und als Hefti in der 43. Minute den nächsten Eckball herausholt, da deutet nichts darauf hin, dass die Berner vor der Pause noch ausgleichen würden.

Zwei Tore wie ein Nackenschlag

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Es läuft die 44. Minute, als Ngamaleu in Richtung Tor läuft und im richtigen Moment durch die Abwehr hindurch den Pass in die Spitze auf Landsmann Nsame spielt. Und dieser beweist, weshalb er an der Spitze des Torschützenklassements liegt und markiert seinen 18. Saisontreffer.

Doch es kommt noch schlimmer in der zweiten Minute der Nachspielzeit, als Ngamaleu diesmal nicht als Vorbereiter brilliert, sondern gleich selber vollstreckt. Man muss neidlos eingestehen, dass die Aktion Weltklasse war, wie er den Ball mit einer Marseillaise um Tim Staubli herum gespielt und dann in den rechten Torwinkel geschlenzt hat. Statt 1:0 steht es plötzlich 1:2 zur Pause.

Görtler mit dem zweiten Assist

In den ersten zehn Minuten nach der Pause geht nicht viel auf dem Rasen, bis Janko einen Flachschuss knapp neben das Tor setzt. Doch unsere Espen finden sogleich die entsprechende Antwort. Zuerst wehrt von Ballmoos einen Freistoss von Jordi Quintillà spektakulär ab, und ebenfalls in der 58. Minute verpasst Demirovic den Ausgleich nur knapp. In der 63. Minute ist es erneut Janko mit einem gefährlichen Schuss. Diesmal nicht flach, sondern knapp am linken Torwinkel vorbei.

Doch es ist spürbar, dass der Ausgleich in der Luft liegt, denn die Angriffe der Espen rollen regelmässig in Richtung Espenblock. In der 69. Minute schiesst Quintillà, in der 71. Minute Miro Muheim. Beide Male hält von Ballmoos sicher. Weitere zwei Minuten später wehrt ein Berner eine Flanke per Kopf ab, doch Görtler holt sich den Ball, bevor dieser ins Toraus fliegt. Er flankt den Ball zurück zur Mitte, wo Demirovic am ersten Pfosten sich gegen Lefort durchsetzt und einköpft. Der Espenblock jubelt und feiert den Torschützen, auch wenn die Swiss Football League später den Treffer als Eigentor von Lefort sieht, weil dieser den Ball noch minim abgelenkt hat.

Görtler krönt seine Leistung

In der letzten Viertelstunde, die Berner nennen sie ja die "YB-Viertelstunde", kommt von den Gästen nicht mehr viel. Auch unsere Spieler sind zwar bemüht und willig, hier noch drei Punkte zu holen oder in St. Gallen zu behalten, doch wirkliche Torchancen sehen die Zuschauern nicht mehr bis Schiedsrichter Alain Bieri vier Nachspielminuten anzeigt. Doch dann nimmt die Partie nochmals so richtig Fahrt auf.

Es läuft bereits die 91. Minute, als Jordi Quintillà den nächsten Eckball, den neunten, tritt. Der Katalane schlägt den Ball auf den hinteren linken Pfosten, wo Lukas Görtler per Kopf zum 3:2 trifft. Ausgerechnet Görtler, der schon an Krämpfen litt und dessen Einsatz nach seiner Tomate vor einer Woche in Luzern zunächst auf der Kippe stand. Aber es ist auch der logische und verdiente Torschütze, denn Görtler lieferte eine Riesenpartie ab.

VAR bringt uns um den Sieg

Eine Partie, die leider noch nicht zu Ende ist, denn es fehlen noch drei Minuten bis zu den drei Punkten. Und als auch diese vier Nachspielminuten vorbei sind und bereits die Nachspielzeit der Nachspielzeit läuft, dann springt der Ball im Strafraum an die Hand von Miro Muheim, als er sich nach einem Schuss abdreht. Die Berner reklamieren heftig, Bieri lässt weiterspielen, ist jedoch mit VAR Sandro Schärer in Volketswil in Kontakt und schaut sich die Szene nochmals an. Und er kann nicht anders, als auf Handelfmeter zu entscheiden.

Der eingewechselte Hoarau gegen unseren Zigi heisst es nun. Hoarau läuft an, schiesst nicht besonders platziert und Zigi hält! Das Stadion scheint an diesem Abend bereits zum vierten Mal zu explodieren - doch erneut meldet sich der VAR. Zigi hat sich zu früh von der Linie wegbewegt. Die Folge: Gelb für unseren Goalie und Wiederholung des Elfmeters.

Ausgleich in der 99. Minute

Als Hoarau zum zweiten Mal anläuft, läuft bereits die 99. Minute in dieser verrückten Partie. Beim zweiten Mal macht es der Berner Angreifer besser und verwandelt zum 3:3-Ausgleich. Ein gellendes Pfeifkonzert ertönt im kybunpark gegen alles was aus Bern kommt: Also sowohl YB wie auch Alain Bieri, der zudem noch unseren Assistenztrainer Ioannis Amanatidis nach Abpfiff der Partie mit Rot bestraft.

Doch alle Proteste ändern nichts mehr daran, dass die Berner hier in extremis einen Punkt in die Bundesstadt entführen. Immerhin bleibt die Tabellenführung in der Ostschweiz und die Tabelle bleibt dieselbe, weil sämtliche fünf Spiele der Runde unentschieden ausgehen. Nächsten Samstag gilt es, Platz 1 im Sittener Tourbillon zu verteidigen. (mna)

 

FC St.Gallen 1879 - BSC Young Boys 3:3 (1:2)

kybunpark - 19'024 Zuschauer (ausverkauft) - SR Alain Bieri.

Tore: 10. Fazliji 1:0, 44. Nsame 1:1, 45.+2 Ngamaleu 1:2, 73. Demirovic 2:2, 91. Görtler 3:2, 99. Hoarau 3:3 (Pen.).

St.Gallen: Zigi; Hefti (Cap.), Stergiou, Letard (35. Staubli), Fazliji; Görtler (94. Bakayoko), Quintillà, Fazliji; Itten, Guillemenot (89. Ribeiro), Demirovic.

Young Boys: von Ballmoos; Janko, Bürgy, Lefort, Garcia; Fassnacht, Martins, Lustenberger (Cap.), Ngamaleu (77. Zesiger); Nsame (85. Hoarau), Mambimbi (83. Meschack).

Verwarnungen: 15. Janko (Foul), 31. Lustenberger (Foul), 33. Letard (Foul), 39. Ngamaleu (Foul), 47. Demirovic (Foul), 69. Guillemenot (Foul), 96. Muheim (Foul), 98. Zigi (Unsportlichkeit).

Bemerkungen: St.Gallen mit Klinsmann, Bakayoko, Fabiano Alves, Ribeiro, Staubli, Kräuchi, Rüfli (Ersatzbank) und ohne Ruiz (gesperrt), Strübi, Costanzo, Ajeti, Nuhu, Babic, Lüchinger (verletzt), Vilotic, Solimando, Kchouk, Campos (nicht im Aufgebot). YB ohne Sörensen, Camara, Sulejmani, Sierro, Aebischer, Lotomba (verletzt), Petignat, Marzino (nicht im Aufgebot). - 5. Pfostenschuss von Itten. - 28. Pfostenschuss von Fassnacht.