Portrait Leonidas Stergiou

Der stille Schaffer in der Innenverteidigung. Mi, 16.12.2020 1. Mannschaft Bildbeschreibung

Leonidas Stergiou ist eine Säule des FCSG – und der Jüngste im 50er-Club

Auf dem Platz ist er kein Lautsprecher, sondern ein stiller Schaffer. Er strahlt Ruhe aus, Sicherheit, Souveränität. So ist er auch im persönlichen Gespräch. Leonidas Stergiou ist kein Mann der markigen Worte, er ist aufgeschlossen, aber sehr bestimmt in seinen Aussagen. Der Blick aus seinen dunklen Augen unter der Dächlikappe ist wach, trotz des soeben absolvierten Mannschaftstrainings und ohne Koffein im Körper. Einen Kaffee lehnt er ab: «Ich verzichte bewusst darauf.»

Die Reife, die Leonidas im Gespräch an den Tag legt, passt zu jener auf dem Platz. Der Innenverteidiger ist eine tragende Säule beim FC St.Gallen 1879, wo er seit 2015 spielt, als er vom FC Wil in den FCSG-Nachwuchs wechselte. Schaut man ihm beim Spielen zu, könnte man meinen, er habe schon viel mehr Erfahrung auf höchster Stufe. Ob beim Stellungsspiel oder im Zweikampfverhalten – die Abgeklärtheit, mit welcher der 18-Jährige seine Aufgaben auf dem Platz erledigt, ist beeindruckend, ebenso seine ruhige Spielweise und seine Gedankenschnelligkeit. Dasselbe gilt für das Tempo, in dem er sich an die Super League akklimatisiert hat.

Im Alter von 16 Jahren, elf Monaten und drei Tagen debütiert Leonidas am 6. Februar 2019 – zum Auftakt der Rückrunde – im Heimspiel gegen den FC Zürich in der Startformation der ersten Mannschaft. Er ist der jüngste in jener Super-League-Saison eingesetzte Spieler. Bis Ende Saison kommen zehn weitere Einsätze hinzu. Und heute, keine zwei Jahre später, ist er aus der Mannschaft kaum wegzudenken und mit 18 Jahren bereits ein gestandener Super-League-Spieler – die Partie gegen Lausanne am vergangenen Sonntag war seine 55. Als jüngster Spieler überhaupt hat er im Oktober die Marke von 50 Super-League-Spielen geknackt – und damit Tranquillo Barnetta vom Thron gestossen.

Auf kaum einen Akteur im Kader des FC St.Gallen 1879 trifft die Bezeichnung «Stammspieler» besser zu: In der vergangenen Saison verpasste Leonidas nur zwei Meisterschaftspartien – notabene verletzungsbedingt – und stand von allen Spielern am längsten auf dem Platz; nach der Wiederaufnahme der Meisterschaft im Juni absolvierte er als einziger Feldspieler jede Minute. «Ich bin stolz darauf, so oft zum Einsatz zu kommen. Das muss man sich in den Trainings und Spielen erkämpfen. Umso schöner ist es, das Vertrauen des Trainers zu spüren», sagt Leonidas. Dieses Vertrauen zahlt er mit Leistung zurück. Und er weiss, dass er diese Leistung Woche für Woche, Spiel für Spiel aufs Neue bestätigen muss. «Ich habe es mir hart erarbeitet, so weit zu kommen.» Und Leonidas arbeitet weiter hart, um sich zu verbessern. So nutzte er die mehrwöchige Meisterschaftsunterbrechung im Frühling, um noch robuster zu werden. Er legte vier Kilogramm an Muskelmasse zu. «Ich konnte ja nichts machen ausser Krafttraining», sagt er mit einem Lachen. Das Training war kein Selbstzweck, es diente vielmehr der Verbesserung seines Spiels: «Die zusätzliche Muskelmasse gibt mir mehr Stabilität nach Sprints. Das hilft mir in den Zweikämpfen.»

«Leonidas zeichnet aus, dass er immer konzentriert arbeitet und sehr aufmerksam und aufnahmefähig ist», sagt Cheftrainer Peter Zeidler. Im Spiel sei Leonidas total fokussiert, liest das Spiel sehr gut und ist gedanklich immer einen Schritt voraus, was zusammen mit seiner Schnelligkeit ein grosser Vorteil sei. Ausserdem sei er körperlich stabiler geworden, auch bei der Athletik habe er Fortschritte gemacht. Dadurch halte er die Trainingsbelastung besser aus, und nur so seien die vielen Einsätze in den vergangenen Monaten überhaupt möglich gewesen. Verbesserungspotenzial sieht der Trainer im Offensivbereich, insbesondere bei der Kopfball- und der Schusstechnik. Aber auch bei der Spieleröffnung gebe es noch Luft nach oben. «Er muss schauen, dass er präzis bleibt, wenn er schnell spielt.»  

Wie schwierig war denn der Sprung ins kalte Wasser in so jungen Jahren? «Vor dem ersten Spiel war schon etwas nervös, aber als ich auf den Platz gekommen bin, habe ich das ausgeblendet und mich ganz auf meine Aufgaben fokussiert», sagt Leonidas. Tipps holte er sich bei seinen Mannschaftskollegen. Mit Silvan Hefti, mit dem er in der Debütsaison 2018/19 gelegentlich das Innenverteidiger-Duo bildete, habe er viel gesprochen. Und Milan Vilotić, sein zweiter Partner in der Innenverteidigung in jener Spielzeit, sei für ihn «wie eine Vaterfigur» gewesen. Milan habe ihn immer unterstützt, selbst dann, als er in der vergangenen Saison praktisch nicht mehr zum Einsatz gekommen sei. Von ihm habe er viel über das Positionsspiel gelernt, aber auch über «Dinge abseits des Fussballplatzes».

Diese «Dinge» sind es, die Leonidas ebenso interessieren wie der Fussball. Der Sohn eines Griechen und einer Serbin blickt gerne über den Rand des Spielfelds hinaus. Er ist interessiert am Weltgeschehen, an Themen wie Wirtschaft und Finanzwesen, schaut gerne Dokus. Und er beschäftigt sich intensiv mit Fragen zur Ernährung, informiert sich über Schlaf und Regeneration und achtet grundsätzlich sehr auf seine Gesundheit.

Noch immer wohnt Leonidas bei seinen Eltern in Wil. Sie hätten ihn immer unterstützt, und die Nähe zu seiner Familie helfe ihm heute, trotz des steilen Aufstiegs die Bodenhaftung nicht zu verlieren. «Ihre Meinung ist mir sehr wichtig, unabhängig davon, ob es um Fussball geht oder um etwas anders. Und es tut mir gut, nach Hause zu kommen und bei Gesprächen und Diskussionen über verschiedene Themen abzuschalten.»

Anerkennung bekommt Leonidas längst auch von anderer Seite. Im Oktober 2019 wählte ihn eine Fachjury zum Ostschweizer Fussballer des Jahres. Und seine Leistungen blieben auch den Verantwortlichen beim Schweizerischen Fussballverband nicht verborgen. Im Oktober kam Leonidas zu seinem ersten Einsatz in der U21-Nationalmannschaft. Im Spiel gegen Liechtenstein wurde er nach 66 Minuten eingewechselt. «Das war ein tolles Erlebnis. Manchmal merkt man erst später, wie speziell ein Moment wie dieser ist – und wie privilegiert ich bin.»

Irgendwann will Leonidas auf die grosse Fussballbühne. Sein Traum sei es, für einen europäischen Topverein zu spielen, sagt er, ohne Namen von Klubs zu nennen. Noch heisst die Gegenwart FC St.Gallen 1879. Und mit der Rolle als Stammspieler habe er sich bereits einen Traum erfüllt. «Und ich träume davon, mit dem FCSG einen Titel zu holen. Vergangene Saison hat es ja fast geklappt.» Ein nächster persönlicher Meilenstein wartet aber schon auf ihn: Bleibt er von Verletzungen verschont, dürfte Leonidas in der nächsten Saison Blerim Dzemaili als jüngsten Spieler mit 100 Einsätzen in der höchsten Schweizer Spielklasse ablösen. Bis dahin heisst es für ihn: still und souverän schaffen. (dag)